Heimlich surfen hinter den Plissees des Internetcafés

Natürlich gehöre ich auch zu der Gruppe Jugendlicher, die ihre Freunde immer seltener live treffen. Stattdessen treffen wir uns immer öfter auf verschiedenen Plattformen im Internet. Ich allein habe dafür Skype, ICQ, MSN, Facebook und Twitter. So kann ich mit nahezu all meinen Freunden chatten oder per VoIP telefonieren. So viele Dienste sind für mich nötig, um alles abzudecken. Denn einige meiner Freunde benutzen nur ein oder zwei dieser Services. Da mir dann aber „Kontaktlücken“ entstehen würden, nutze ich fast alle verfügbaren.

Wenn jetzt der Fall eintritt, dass mir meine Eltern den Internetzugang verbieten oder gar meinen ganzen Computer sperren, bricht für mich eine ganze Welt zusammen. So komisch es klingen mag, aber in meinem Universum dreht sich nichts ohne meinen PC.

Erst kürzlich ist solch ein Fall eingetreten: Ich stritt mit meiner Schwester, wer den Computer zuerst benutzen könne. Und wie es fast immer ist, habe ich mich lautstark mit ihr gestritten. Als sie sich dann einfach an die Tastatur drängelte, habe ich ihr Puppenhaus unter der Jalousie hindurch zum Fenster heraus geworfen. Zu meinem Glück kam Papa gerade nach Hause. Nicht nur, dass er den Streit durch das offene Fenster schon von weitem mitbekam, nein ich traf mit dem Puppenhaus auch noch unser Auto.

Die schlimmste anzunehmende Strafe traf mich wie ein Blitz: Ich sollte vier Wochen lang absolutes Computerverbot bekommen. Ich konnte es gerade einen einzigen Tag aushalten. Ab dem zweiten Tag ging ich jeden Tag, nach der Schule, in ein Internetcafé. Dort hatte ich schnell einen Stammplatz gefunden. Dieser war genau an dem Fenster, durch welches mich Mama aus ihrem gegenüberliegenden Textilgeschäft hätte sehen können. Ich konnte aber, dank der Plissees an den Fenstern des Cafés, den ganzen Monat unentdeckt im Internetcafé surfen.